Очерки

В этой рубрике я публикую очень разные тексты, которые не попадают в категорию научных изданий, как они перечислены в списке публикаций. Мне кажется, слово очерики - лучшее соответствие в русском языке. Однако, здесь появляются только тексты на немецком, потому что, как бы я ни любила русский язык, я, наверное, никогда не овладею им на удовлетворительном уровне письменности.

Fernsehprobleme

vom 24.04.2020 16:30:44

Heute morgen war der Haustechniker wegen Problemen beim Fernsehempfang bei uns. Sofort sah er die Postkarte von Wasili Polenows Gemälde Großmutters Garten (1878) auf der Kommode und begann, von dem Künstler zu schwärmen. Dabei schaute er träumerisch auf die dargestellte Szene des Spaziergangs einer alten Dame in einem schwarzen Kleid mit Gehstock, gestützt von einer jungen Frau in einem hellen Sommerkleid in einem romantisch wildwüchsigen Garten, im Hintergrund ein einstmals prächtiges Herrenhaus.

Ich erzählte dem Techniker, dass wir am Wochenende die Ausstellung von Polenows Werken in der Tretjakow-Galerie gesehen hatten und dafür lange hatten anstehen mussten. „Ja, klar“, sagte er, „Polenow ist schon etwas ganz Besonderes.“ Dann erzählte er mir, dass zwei Stunden von Moskau entfernt noch immer dessen Geburtshaus steht, das heute von seiner Enkelin geleitet wird. „Gebaut hat er das Haus von dem Geld, das er vom Zaren für sein berühmtes Gemälde von Christus Wer wirft den ersten Stein? bekommen hat. Da müssen Sie unbedingt hinfahren, am besten im Frühling, wenn alles blüht,“ schwärmte er.

Wir haben uns dann noch lange philosophisch über das Motiv auf der Postkarte ausgetauscht. Ich erzählte ihm, dass ich sie für meine 92-jäjhrige Mutter gekauft habe, weil der gemeinsame Spaziergang, wie mir scheint von Mutter und Tochter so tröstlich wirkt. „Das täuscht“, der Fernsehfachmann hob die Augenbrauen. „Das Anwesen, die harmonische Darstellung der Personen, all das sieht aus wie die gute alte Zeit. Wenn man aber genau hinsieht, erkennt man, dass all das bereits im Verfall begriffen ist. Die sogenannten guten alten Zeiten neigen sich dem Ende zu.“ Ich konnte ihm nur zustimmen, und wünschte mir, dass ich öfter Probleme mit dem Fernseher hätte.

Moskau, März 2020

Slawohile und Westler

vom 18.04.2020 10:28:51

„Kein einziger brauchbarer Gedanke ist auf dem unfruchtbaren Boden unseres Vaterlandes erwachsen“, schrieb 1836 der russische Intellektuelle Petr Tschaadaew. „Wir gehören weder zum Osten noch zum Westen, haben weder die eine noch die andere Tradition. Wir leben gleichsam außerhalb der Geschichte, die allgemeine Erziehung des Menschgeschlechtes ist spurlos an uns vorübergegangen.“ Sein philosophischer Brief war ein Angriff gegen die reaktionäre Politik des Zaren Nikolaus I. Der ließ ihn auch prompt für verrückt erklären und zwang ihn, seine Vorwürfe in einer weiteren Schrift, der „Apologie eines Wahnsinnigen“, zurückzunehmen. Vollkommen unberührt von der Kritik Tschaadaevs sahen die konservativen Kräfte die Überlegenheit der Entwicklung Russlands im Lichte der „Heiligen Allianz“ als bestätigt an. Dieses Abkommen stellte den Sieg der zaristischen Selbstherrschaft über Napoleon in die Linie des Jahrhunderte alten Bundes mit der orthodoxen Kirche.

Tschaadaew freilich hatte eine Debatte ausgelöst, die selbst die reaktionäre Politik aufzuhalten nicht in der Lage war. Seit er das Thema der russischen Identität aufgeworfen hatte, war diese zweigeteilt: Die Intellektuellen spalteten sich in die Lager der „Slawophilen“ und der „Westler“. Die einen sprachen Russland die Aufgabe zu, die Welt durch den Zaren und die Orthodoxie zu retten, die anderen zogen die direkte Konsequenz aus den Ausführungen Tschaadaews und forderten eine Angleichung des Imperiums an Westeuropa in allen Bereichen des Lebens. Die Auseinandersetzung, die in den 40er Jahren begonnen hatte, setzte sich bis ins 20. Jahrhundert fort. Nihilisten, Utilitaristen, sogenannte Volkstümler und Sozialisten setzen die westlerische, der Schriftsteller Fjodor Dostoewski und der Philosoph Wladimir Solowjow die slawophile Tradition fort.

Dabei hatte Tschaadaew selbst die Synthese beider Positionen im Blick gehabt. Er schrieb: Die „Lage zwischen den beiden großen Weltteilen, dem Orient und dem Okzident hätte uns gerade befähigen sollen, die beiden großen Prinzipien der Vernunft, Phantasie und Verstand, in uns zu vereinen und in unserer Kultur die Geschichte des ganzen Erdballs zusammenzufassen“. Dieser Versuch der Synthese westlicher und östlicher Traditionen zu einer genuin russischen Identität wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem Teil der Intellektuellen unternommen. Philosophisch vorbereitet durch Solowjow, der die slawophile Tradition mit den Grundlagen des deutschen Idealismus zu verbinden versucht hatte, war das „Silberne Zeitalter“ vom westlichen Einfluss des Symbolismus ebenso geprägt wie dem Bemühen, dem aus Europa importierten Sozialismus eine russische Alternative zu bieten. Eine für die russische Geistesgeschichte kennzeichnende Wechselwirkung von Philosophie, Literatur, Religion und Geschichte gaben dieser Periode, in der Russland und Europa sich so nahe waren, ihre eigene Signatur. Westlicher Individualismus, die Grundrechte der Persönlichkeit und politische Demokratie sollten mit den russischen Traditionen der religiösen Gemeinschaft und der Anerkennung der eigenen geistesgeschichtlichen Leistungen verbunden werden. Die breit angelegte Entwicklung wurde freilich durch die Revolution 1917 jäh unterbrochen. Die Vielfalt der geistigen Strömungen fiel einer nunmehr gänzlich sozialistisch definierten Kultur zum Opfer. Sie geriet in der Sowjetunion wie auch im Ausland in Vergessenheit und wurde bis heute nur in wissenschaftlichem und kulturellem Umfeld wiederentdeckt.

Eine Rückschau aus politischer Sicht gibt es nicht, zu Unrecht, denn ist es doch vor 1917 für kurze Zeit gelungen, die beiden Modelle des russischen Selbstverständnisses zu verbinden. Eine Reduzierung allein auf die national-orthodoxe Tradition, wie sie von Seiten der offiziellen und Ideologen des Kreml betrieben wird, unterschätzt das emanzipatorische Potential des „Silbernen Zeitalters“. Dies könnte helfen, die gegenwärtigen Debatten um Identität und Geschichte auf eine liberale und pluralistische Grundlage zu stellen, ohne dabei die russischen Traditionen zu vergessen. Das wäre übrigens ganz im Sinne Tschaadaews.

Moskau, 2020

Ein Wochenende in Masuren

vom 18.04.2020 10:27:16

Meist können wir mit unserem derzeitigen Wohnort in Minsk bzw. Belarus bei Mitreisenden, Freunden oder Bekannten wohliges Erstaunen hervorrufen. Nicht selten werden Fragen nach dem Grad der Zivilisation und den Extremen des Klimas gestellt. Nicht so bei einem Ausflug zu Freunden in das benachbarte Polen, wo wir 50 km von der russischen Grenze an den Masurischen Seen in ein wahrlich globales Dorf geraten sind.

Die Gastgeber selbst hatten gerade einige Jahre im, freilich wenig beliebten, Nachbarland verbracht, wo wir sie auch kennengelernt hatten. Weitere Sommergäste stammten aus Warschau, darunter gebürtige Polen, die Belarus sowieso für eine eigentlich polnische Provinz halten – wie übrigens auch den heute russischen Teil Ostpreußens, große Teile Litauens, einige Gegenden der Ukraine usw. Andere kamen zwar aus Warschau angereist, wo sie sogar einen festen Wohnsitz haben, aber aus aller Herrn Länder zugereist sind: Jean-Louis ist von tadelloser französischer Geburt wie Erscheinung, spricht glänzendes Englisch mit wunderbarem französischem Akzent und vertritt ein französisches Unternehmen in Polen. Seine Zukünftige (die Hochzeit auf den französischen Gütern steht unmittelbar bevor), Tanja, stammt aus der östlichen Ukraine, wo sie aber schon 10 Jahre nicht mehr war (weil ihre Eltern seit langem in Odessa leben), weil sie zunächst in Kiew, später in Moskau gearbeitet hat, wo sie sich aber angesichts des rüden Gebarens der russischen Polizei als Bürgerin eines freien und demokratischen Landes nicht willkommen fühlte und in das europäische Warschau übersiedelte. All das, versteht, sich in makellosem Englisch, wahlweise russisch oder polnisch.

Mit von der Partie war ihre Schwester Anja, die tags zuvor für eine Stippvisite zu ihrer Schwester nach Warschau gekommen war, und zwar aus Madrid, wo sie vorübergehend wohnt und natürlich spanisch gelernt hat, bevor sie mit ihrem spanischen Freund in die USA übersiedelt, wo nun mal die Kunden ihres gemeinsamen Internetbusinessunternehmens leben.

Jean-Louis, Tanja und Anja sind allesamt Freunde des Sohnes des Hausherren, der ebenfalls mit seiner Frau aus Warschau anwesend war und jüngste Reiseberichte von Ausflügen nach Nepal und Mexiko beisteuerte. Die Eltern trugen es mit Fassung, freuten sich auf ein ruhiges Wochenende im Ferienhaus und wollten von Minsk sowieso schon nichts mehr wissen. Da waren sie nicht die einzigen.

Minsk, 2013

Globalisierung

vom 18.04.2020 10:25:36

Bisher dachte ich immer, mit Belarus eine einigermaßen interessante Destination beim Reisen zu haben. Wie normal und europäisch Weißrussland allerdings ist, erfuhr ich neulich bei meiner Ankunft am Frankfurter Flughafen. Eine junge Blondine aus den USA verwickelte, zunächst auf Englisch, zahlreiche Fahrgäste des Flughafentranferbusses in ein Gespräch, in dem die Globalisierung zum Greifen nahe war. Zunächst stellte sie fest, dass sie und ein weiterer Mitreisender sich bereits in London beim Umsteigen getroffen hatten. Wie ich herausstellte, war dieser im heimatlichen Tschad auf Reisen gegangen, von dem die Amerikanerin indessen bisher nichts gehört hatte. Sie selbst war, wie sie freimütig berichtete, heute aus Chicago gekommen, um ihren deutschen Freund, der schüchtern neben ihr Platz genommen hatte, in Frankfurt zu besuchen. Dieses war für den Mann aus dem Tschad nur eine weitere Zwischenstation auf dem Weg nach Magdeburg zum Klassentreffen. Dort war er, wie er nun in nahezu akzentfreiem Deutsch den Umstehenden berichtete, vor 25 Jahren zum Ingenieursstudium gewesen, denn der Tschad habe damals wie heute dringend Fachkräfte gebraucht. Das bestätigte ein Ehepaar mittleren Alters mit Backpacker-Gepäck in reinstem Hochdeutsch, erkundigte sich aber höflich, wo denn Magdeburg gelegen sei. Dies wiederum erstaunte den Zentralafrikaner, der sogleich erfuhr, dass die beiden aus Südafrika stammten und das erste Mal in Deutschland waren. Währenddessen führte die junge Frau aus Chicago ein unangemessen ernstes Gespräch (übrigens in leidlichem deutsch) mit ihrem Freund über die Nachteile einer Fernbeziehung über geschätzte 10.000 km. Aber auch in einem so ernsten Fall spielt offenbar das Wetter eine erhebliche Rolle, weshalb sie sich bei einer bisher unbeteiligten jungen Frau erkundigte, ob die Sommer hier in Deutschland immer so schlecht seien. Diese antwortete, dass sie zwar eine gebürtige Mannheimerin sei, aber seit geraumer Zeit in Dubai lebe, wo die Sommer nebenbei bemerkt immer heiß seien. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kam mir Belarus so unspektakulär zentraleuropäisch vor wie sonst nur Magdeburg oder Mannheim.

Berlin, 2012

Frauenpower

vom 18.04.2020 10:23:32

Wie das belarussische Nachrichtenportal BelaPan am 14. Oktober schreibt, hat der Präsident verkündet, dass er Frauen zwar sehr schätze, ja sie sogar für „die größte und unnachahmliche Arbeit der Natur“ halte, aber Präsident des Landes könnten sie dann doch nicht werden. Begründung: Das sei eine schwere Arbeit, für die Frauen nicht gemacht seien.

Vorsichtshalber wies wer noch darauf hin, dass 30 % der Sitze im Belarussischen Parlament von Frauen besetzt seien. Der Grund dafür, so Lukaschenko weiter, liege darin, dass er Frauen mehr vertraue als Männern, sie seien verantwortungsbewusst, weniger abenteuerlustig und weniger korrupt. Aber Präsident, nein, dass dann doch nicht. Möglich, so Lukaschenko, ist das in der EU, hier geht es schließlich mehr um die Repräsentation. In Belarus dagegen muss der Präsident hart arbeiten.

Dies tun übrigens viele Frauen in hohen Positionen in Belarus, das jüngste Beispiel ist die Präsidentin der Nationalbank. Auch werden deutlich mehr Museen im Land von Frauen geführt, als das in Deutschland der Fall ist, z.B. das Janka-Kupala-Literatur-Museum (Minsk), das Theater- und Musikmuseum (Minsk), das Kultur- und Palastmuseum in Polock und viele andere.

Minsk, 2011

Ein Urwald mitten in Europa

vom 18.04.2020 10:21:02

Als ich neulich in der Zeitschrift „Kulturaustausch“ über die Bedeutung des Bisons in Belarus las, habe ich sofort bedauert, dass ich es in fast neun Monaten noch nicht geschafft habe, hier in Belarus eines dieser Urviecher mit eigenen Augen und nicht im Zoo zu sehen. Zuletzt habe ich eines im Heimattiergarten [sic!] in Fürstenwalde gesehen. Oder waren das Wisente? Nicht, dass das wirklich wichtig wäre, aber die Tiere tauchen mit großer Regelmäßigkeit und Prominenz in der belarussischen Tourismuswerbung auf. Da wäre es doch interessant zu wissen, ob nun Bisons oder Wisente gemeint sind, oder nicht?

Ein guter Anfang scheint mir die beliebte Wodkamarke „Zubrovka“ zu sein. Sie bildet einen grimmig dreinschauenden Bullen dieser Rasse ab. Ich folge dieser Spur und lerne als erstes, dass es sich bei Zubrovka um eine Grassorte handelt, jedenfalls im russischen Wörterbuch. Im weißrussischen Pendant ist davon nur noch das daraus gebraute alkoholische Getränk übrig. Soweit so gut. Weitere ethymologische Nachforschungen bringen mich zum Zubr– russisch und weißrussisch (!) für Wisent. (Der russische Zubr ist zugleich ein Erzreaktionär, aber das ist sicher eine andere Geschichte.) Mit dem Bison ist es einfacher, es ist auch ein Russland und Belarus ein Bison. Und genau davon schreibt in der erwähnten Zeitschrift der weißrussische Journalist Anton Trafimowitsch und der muss es doch wissen. Also noch mal von vorne.

Wer in Weißrussland eines dieser riesigen Tiere zu Gesicht bekommen will, womit wir wieder bei der Tourismuswerbung wären, fährt in Richtung polnischer Grenze. Dort befindet sich der einzige Urwald in Europa, der Białowieża-Nationalpark – natürlich unter UNESCO-Naturerbeschutz. Das 150.000 ha große Gelände gehört zu Polen und zu Belarus und bietet eine schier unglaubliche Fülle von Flora und Fauna. Dazu gehören auch – Wisente. Ihr zoologischer Name lautet Bison bonasus, womit wir der Verwirrung schon näher kommen. Unglücklicherweise stoße ich gerade hier (und nur hier) auch auf Zubrons (immerhin bringt mich das wieder zu dem Wodka zurück), bei denen es sich offenbar um eine Kreuzung zwischen Rind und Wisent handelt. Erwartungsgemäß wenig zur Klärung tragen diverse Seiten über den Jagdtourismus in Belarus bei. Den Nutzern dieser Informationen scheint es egal zu sein, ob sie Wisente, Bisons oder Zubrons erlegen. Zubrovka wird jedenfalls genug dabei fließen.

Das belarussische Internetportal www.zubr.com weiß zwar gar nichts über seinen Namensgeber zu berichten, bestätigt aber immerhin die offenbar nationale Bedeutung, die das Tier für Weißrussland hat. Eine wahrlich diplomatische Lösung bieten schließlich die englischsprachigen Websites, die vom „European bison“ sprechen, womit wieder einmal zweifelsfrei erwiesen wäre, dass Belarus mitten in Europa liegt, was wir ja von Polen schon lange wissen.

Minsk, 2010

Im Dienste des Vaterlandes

vom 18.04.2020 10:13:43

Heute war ein Frauentag. Das sind die Tage, an denen ich als „Ehefrau des Oberstleutnant“ unterwegs bin. So steht es in meinem Diplomatenpass, und zwar unter „Dienstbezeichnung“. Eigentlich bin ich gewöhnt, hier zwischen „Historikerin“, „Ausstellungskuratorin“ oder „Dozentin“ zu wählen, aber für den ausfüllenden Beamten im BMVg war das keine Frage, als man unsere Daten für den Pass aufgenommen hat. Es wird auch nicht vermerkt, welchem Oberstleutnant ich als Ehefrau zugehörig bin – immerhin tragen ja viele Eheleute heutzutage weiterhin ihren eigenen Familiennamen, aber sei’s drum, für meine Dienstverpflichtungen spielt das schließlich keine Rolle.

Heute war ich also zuerst um 10.30 Uhr zum Frühstück bei Frau Meier, einer anderen, jüngst erst eingetroffenen Ehefrau aus dem Kreis der MAPs (=mit ausreisenden Partner). Ein guter Start an einem sonnigen Frühlingstag, zumal im häufig doch anstrengenden russischsprachigen Alltag endlich mal wieder die Aussicht auf eine entspannte, weil unbedeutende deutsche Konversation, besteht.

Ich rufe also Frau Meier auf dem Handy an, um mich in dem verschachtelten Minsker Hinterhof, irgendwo in der Nähe ihres Wohnhauses, zu orientieren. Freudig versichert sie mir in verschiedenen Sprachen, von denen keine deutsch ist, gleich bei mir zu sein. Sprach’s, und kommt im sommerlichen Flatterkleid und eleganten Flipflops aus dem Haus. Ihr feurig-fremdländisches Erscheinungsbild lässt auf die Philippinen schließen, was sie in einem Sprachgemisch sogleich bestätigt. Im Ambiente der großzügigen Wohnung voller exotischer Möbel, Kunst und Erinnerungsstücke, serviert sie nach dem Eintreffen weiterer Damen einen perfekten deutschen Apfelkuchen und berichtet von den Dauerbaustellen aller Umzüge aus der Elfenbeinküste nach Malaysia nach Deutschland nach Kenia nach Moskau nach China und nach Minsk. Hilfe oder Tipps zu den Minsker Verhältnissen braucht sie keine, dafür ist sie auf der Grundlage jahrelanger Erfahrungen sogleich bereit, bei der Organisation des anstehenden Empfangs des International Women’s Club durch die deutschen Damen zu helfen. Gesagt, getan, alle Fragen sind geklärt.

Ich muss mich leider verabschieden, um nicht zu spät zu meinem Massagetermin um 13.00 Uhr zu kommen, der mich von den Verspannungen der zahllosen und anstrengenden Termine an der Cocktailfront befreien wird. Flugs fahre ich also zum 1. Städtischen Krankenhaus und parke aufgrund der bereits eingetretenen leichten Verzögerung auf dem Gehsteig, was ärgerlich für die Fußgänger und verzeihlich für die Polizei ist – beides aufgrund des Diplomatenkennzeichens.

Wellnessmäßig entspannt geht es gegen 14.30 Uhr weiter zur nächsten Dienstverpflichtung, dem House-Keeping für eine weitere betroffene Ehrefrau. Gerne helfe ich aus, zumal wir bemerkt haben, dass es uns zwei beide aus demselben Abiturjahrgang aus derselben mitteldeutschen Diplomatenstadt in die weißrussische Hauptstadt verschlagen hat. Das verbindet. Und außerdem ist die Dame mit ihrem Göttergatten auf Heimaturlaub, so dass ich auf eine Mitfahrgelegenheit für zahlreiche in Küche und Haushalt vermisste Utensilien und Zutaten hoffen kann.

Solchermaßen motiviert, mache ich mich auf den Weg in den Supermarkt, um die letzten Zutaten für das heutige Abendessen zu besorgen, denn auch das gehört schließlich zu meinen dienstlichen Verpflichtungen. Wofür ich übrigens, das möchte ich nicht verschweigen, ein „Nadelgeld“ (sic!) von 500 € erhalte. Für’s Vaterland. Morgen ist wieder ein normaler Arbeitstag. Ich freue mich auf meinen Schreibtisch.

Minsk, 2012

Von Lenin, einem alten Kloster und ungezahlten Gehältern

vom 18.04.2020 10:03:21

Na gut, wirklich unbekannt ist das Historische Museum auf dem Roten Platz in Moskau nicht. Aber mal ehrlich, waren Sie schon mal im Keller, in dem sich die Lenin-Skulpturen türmen, im Depot für Textil und Metall an der Metro Proletarskaja oder im Dokumenten-Archiv beim Izmajlovskij-Park? Diese Gelegenheit hat sich mir erstmals geboten, als ich im letzten Jahr mal wieder für Recherchen im Rahmen der Ausstellung „Weltkrieg 1914-1918“ unterwegs war.

Es fing damit an, dass ich dachte, es hat sich in all den Jahren gar nichts verändert. Als wir nämlich die düstere und schmale Treppe in den Keller des ehemaligen Lenin-Museums hinabstiegen, jetzt eine Abteilung des Historischen Museums, stieß ich fast gegen die Aufsicht, die am Ende dieser Treppe auf einem Stuhl hockte und Zeitung las. Sofort dachte ich an die vielen Posten zur Arbeitsbeschaffung, bei denen man sich in der Sowjetunion immer gefragt hat, worin eigentlich der Arbeitsnutzen besteht. Viel schlimmer aber noch als die Sinnlosigkeit dieser Tätigkeit als Hüter eines Depots, in das sowieso nie jemand kommt, fand ich die Zumutung für diesen armen Menschen, ihn mit seiner einzigen Beschäftigung der Zeitungslektüre auch noch im Halbdunkel sitzen zu lassen. Es dauerte also eine ganze Weile bis mir auffiel: Ich war mit Lenin höchstpersönlich zusammengestoßen – einer lebensgroßen Bronzefigur in einer der weniger verbreiteten Positionen des Zeitungslesers. Und allein war er auch nicht. Neben vielen, vielen andern Lenins – lesend, rezitierend, nachdenkend, vorwärts schreitend, schreibend usw. – gab es da noch zahlreiche Trotzkis, Stalins und andere Genossen. Die Auswahl fiel mir daher entsprechend schwer: Wie wäre es mir einem Lenin-Relief, gegossen aus einer Glocke der vielen, nach der Revolution geschlossenen Kirchen? Oder mit einem lebensgroßen Lenin, der soeben aus dem Exil zurückkehrt, um sich der Revolution vor Ort zu widmen? Den Mantel, den er trägt, können wir auch ausleihen… Entschieden habe ich mich dann für eine Büste, die von der Cousine Churchills Anfang der 20er Jahre angefertigt wurde. Aus Trauer über den Verlust ihres Mannes im Ersten Weltkrieg war sie in die Sowjetunion übergesiedelt und hatte sich der Bildhauerei gewidmet.

Nach einer kurzen Tee-Pause im Dachgeschoss des Hauptgebäudes mit einem sensationellen Blick über den Roten Platz ging’s weiter ans andere Ende der Stadt. Was man an der Metro Proletarskaja nicht unbedingt vermutet, ist das sog. „Vorwerk“, die ehemalige Residenz des Metropoliten von Moskau, später eine Kaserne, in dem auch Alexander Herzen inhaftiert gewesen ist. Hier hat das Historische Museum Teile seiner Sammlungen untergebracht. Es ist, als ob man nicht nur einen eigenen Bezirk der Stadt betritt, sondern darüber hinaus auch die Jetzt-Zeit verlässt und in die zaristische Vergangenheit eintaucht. Ich bin sicher, dass auch die Kollegen aus Spandau mir zustimmen würden, dass das viel romantischer ist als eine Kaserne. Allerdings sind die Zustände weit weniger komfortabel: Zum Teil ohne Heizung, fließend Wasser gibt es nur in einigen Gebäuden und das auch nur, wenn die Wasserleitung nicht gerade defekt ist.

Weiter ging’s wieder an ein anderes Ende der Stadt. Auch dorthin hat das Historische Museum Teile seiner Sammlung ausgelagert und zwar in den ehemaligen Stammsitz der letzten Zarendynastie, der Romanovs. Auch dies ein wunderschöner Ort, allerdings mit fast noch weniger Komfort als der vorige. Hier habe ich einige Tage in Dokumenten und alten Zeitungen recherchiert, dabei in den gemeinsamen Teepausen immer wieder voller Respekt gedacht, wie viel Engagement und Liebe zum Museum die Moskauer Kollegen haben müssen, um unter diesen Bedingungen zu arbeiten: nur eine mehr oder weniger funktionierende Toilette, nur ein Wasseranschluss für ein riesiges Gebäude in eben dieser Toilette und einen uralten Kühlschrank für die von zu Hause mitgebrachten Schätze. Und das alles bei winzigen Gehältern, die ohne die Ergänzung zusätzlicher Jobs nicht zum Leben reichen – wenn sie überhaupt ausgezahlt werden.

Es bleibt mir also auch diesmal wieder, zum Abschluss meine Freude zum Ausdruck zu bringen, dass ich diese, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Orte in Moskau besuchen konnte und den Kollegen wärmstens eine Ausstellung über altrussische Geschichte zu empfehlen.

Sommer 2003

Die russische Armee – Dein Freund und Helfer

vom 18.04.2020 09:59:06

Hat man als Tourist vor der Wende in der Sowjetunion Brücken oder technische Anlagen mit potentiell militärischem Bezug fotografiert, so konnte man schon mal eine Nacht im örtlichen Gefängnis verbringen – und der Film war sowieso verloren. Was früher sofort mit möglicher Spionage in Verbindung gebracht wurde, ist heute nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, wie ich kürzlich bei meiner Moskau-Reise für das Projekt „Der Große Krieg 1914-1918“ erfuhr.

Mit „normalen“, will sagen zivilen Museen in Russland zu kooperieren, ist schon ein Erlebnis. Abenteuerlich dagegen wird es mit den Armeemuseen. Während ich für die Terminabsprache in der Tretjakov-Galerie oder dem Historischen Museum schon mehrere Arbeitsstunden am Telefon verbracht habe, um die richtige Faxnummer herauszufinden, endete diese Prozedur beim „Zentralen Museum für Grenztruppen Russlands“ mit der Feststellung, es sei kein Fax im Hause, ich müsse meine Anfrage schon per Post stellen. Diese Mühe hat sich gelohnt!

Am Eingang des ziemlich versteckten Museums wurde ich zunächst von ca. 6 uniformierten Damen gestoppt, die mich verwundert nach meinem Anliegen fragten. Nach mehreren Telefonaten, die der Ankündigung „einer Ausländerin“ dienten, sah ich mich einem recht kleinen, aber adretten jungen Mann in Uniform gegenüber, der mich militärisch begrüßte. Leicht verlegen begleitete er mich in das Zimmer des Direktors. Zu seiner nicht geringen Bestürzung war dieser nicht anwesend, so dass er mich bat, Platz zu nehmen. Ob ich Tee wolle? Ja, gerne, wenn es keine Umstände macht. Nein, natürlich nicht. Kurze Pause. Es folgte ein hektisches Öffnen aller verfügbaren Schränke. Zunächst wurde eine leicht zerknitterte Plastiktischdecke aufgelegt und der im Zimmer befindliche Wasserkocher angestellt (einen Samowar sieht man in Russland selten). Dann folgten – im Tempo eines Slapstickfilms – Teetassen, eine Packung Teebeutel, wasserlöslicher Kaffee, die Zuckerdose, Löffel, ein Teller mit Keksen, eine Schachtel mit Pralinen, Gläser und – eine Flasche Wodka. Wieder eine kurze Pause. Zur allgemeinen Erleichterung erschien sodann der Direktor. Mit strahlendem Lächeln unter der großen Militärmütze begrüßte er mich mit dem Hinweis, dass gerade heute morgen meine Liste mit den Objektwünschen und weiteren Informationen eingetroffen sei. Einem kritischen Blick auf den gedeckten Tisch folgte der Hinweis an den jungen Kollegen, es handle sich um die falsche Tischdecke, er möge das doch bitte korrigieren. Also wurde alles wieder abgeräumt, eine nicht verknitterte Stofftischdecke aufgelegt, und alle Köstlichkeiten wieder aufgetischt. Der Wodka, so der Direktor, sei mehr symbolisch zu verstehen, schließlich handle es sich um ein Vorurteil, dass die Russen immer und bei jeder Gelegenheit trinken.

Auf diese Weise entstand eine angenehme, freundschaftliche Atmosphäre, die nur kurzfristig durch die lachende Bemerkung des Direktors unterbrochen wurde, es sei ja erstaunlich, dass ich russisch spräche – ich sei also nicht nur attraktiv, sondern auch noch klug, was bei einer Frau schon auffalle. Nachdem auch das geklärt war, brachen wir in die Ausstellung auf, die mir von den Anfängen der Grenztruppen in grauer Vorzeit bis ins Jahre 2002 ausführlich präsentiert wurde. Bei den Objekten zum Ersten Weltkrieg angelangt, bat ich um die Erlaubnis, fotografieren zu dürfen. Ja, warum ich das denn nicht vorher gesagt hätte, das sei ja überhaupt kein Problem – sprach’s, entführte mir die Digitalkamera und begann, mich vor buchstäblich jeder Vitrine der Ausstellung abzulichten – zur Erinnerung gewissermaßen. Diese Prozedur endete erst in dem großen Saal zu Ehren der Truppenführer, als es mir gelang, nicht mich zum Gegenstand des Fotos zu machen, sondern die beiden Herren, worüber sie sich aufrichtig freuten. Detaillierte Aufnahmen von Waffen aller Art, Dokumentationen der Kontrollmethoden an den Grenzen oder beschlagnahmter Schmuggelware konnte ich übrigens später so viele machen, wie ich wollte. Auch die Depots waren mir uneingeschränkt zugänglich, immer wieder kamen Adjutanten, Generäle oder Gefreite vorbei, um sich nach meinen Fortschritten zu erkundigen und ihrer Vorfreude auf die Kooperation Ausdruck zu geben. Zum Abschluss gab es dann noch mal Tee, diesmal dann doch in Verbindung mit einem klitzekleinen Wodka, sowie zahlreiche Souvenirs, die nun mein Büro schmücken. Sollte also irgendjemand von den Kollegen die Absicht haben, eine Ausstellung über russische Grenzregimenter zu veranstalten, kann ich nur wärmsten zuraten!

Juni 2002