Очерки

В этой рубрике я публикую очень разные тексты, которые не попадают в категорию научных изданий, как они перечислены в списке публикаций. Мне кажется, слово очерики - лучшее соответствие в русском языке. Однако, здесь появляются только тексты на немецком, потому что, как бы я ни любила русский язык, я, наверное, никогда не овладею им на удовлетворительном уровне письменности.

Slawohile und Westler

vom 18.04.2020 10:28:51

„Kein einziger brauchbarer Gedanke ist auf dem unfruchtbaren Boden unseres Vaterlandes erwachsen“, schrieb 1836 der russische Intellektuelle Petr Tschaadaew. „Wir gehören weder zum Osten noch zum Westen, haben weder die eine noch die andere Tradition. Wir leben gleichsam außerhalb der Geschichte, die allgemeine Erziehung des Menschgeschlechtes ist spurlos an uns vorübergegangen.“ Sein philosophischer Brief war ein Angriff gegen die reaktionäre Politik des Zaren Nikolaus I. Der ließ ihn auch prompt für verrückt erklären und zwang ihn, seine Vorwürfe in einer weiteren Schrift, der „Apologie eines Wahnsinnigen“, zurückzunehmen. Vollkommen unberührt von der Kritik Tschaadaevs sahen die konservativen Kräfte die Überlegenheit der Entwicklung Russlands im Lichte der „Heiligen Allianz“ als bestätigt an. Dieses Abkommen stellte den Sieg der zaristischen Selbstherrschaft über Napoleon in die Linie des Jahrhunderte alten Bundes mit der orthodoxen Kirche.

Tschaadaew freilich hatte eine Debatte ausgelöst, die selbst die reaktionäre Politik aufzuhalten nicht in der Lage war. Seit er das Thema der russischen Identität aufgeworfen hatte, war diese zweigeteilt: Die Intellektuellen spalteten sich in die Lager der „Slawophilen“ und der „Westler“. Die einen sprachen Russland die Aufgabe zu, die Welt durch den Zaren und die Orthodoxie zu retten, die anderen zogen die direkte Konsequenz aus den Ausführungen Tschaadaews und forderten eine Angleichung des Imperiums an Westeuropa in allen Bereichen des Lebens. Die Auseinandersetzung, die in den 40er Jahren begonnen hatte, setzte sich bis ins 20. Jahrhundert fort. Nihilisten, Utilitaristen, sogenannte Volkstümler und Sozialisten setzen die westlerische, der Schriftsteller Fjodor Dostoewski und der Philosoph Wladimir Solowjow die slawophile Tradition fort.

Dabei hatte Tschaadaew selbst die Synthese beider Positionen im Blick gehabt. Er schrieb: Die „Lage zwischen den beiden großen Weltteilen, dem Orient und dem Okzident hätte uns gerade befähigen sollen, die beiden großen Prinzipien der Vernunft, Phantasie und Verstand, in uns zu vereinen und in unserer Kultur die Geschichte des ganzen Erdballs zusammenzufassen“. Dieser Versuch der Synthese westlicher und östlicher Traditionen zu einer genuin russischen Identität wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem Teil der Intellektuellen unternommen. Philosophisch vorbereitet durch Solowjow, der die slawophile Tradition mit den Grundlagen des deutschen Idealismus zu verbinden versucht hatte, war das „Silberne Zeitalter“ vom westlichen Einfluss des Symbolismus ebenso geprägt wie dem Bemühen, dem aus Europa importierten Sozialismus eine russische Alternative zu bieten. Eine für die russische Geistesgeschichte kennzeichnende Wechselwirkung von Philosophie, Literatur, Religion und Geschichte gaben dieser Periode, in der Russland und Europa sich so nahe waren, ihre eigene Signatur. Westlicher Individualismus, die Grundrechte der Persönlichkeit und politische Demokratie sollten mit den russischen Traditionen der religiösen Gemeinschaft und der Anerkennung der eigenen geistesgeschichtlichen Leistungen verbunden werden. Die breit angelegte Entwicklung wurde freilich durch die Revolution 1917 jäh unterbrochen. Die Vielfalt der geistigen Strömungen fiel einer nunmehr gänzlich sozialistisch definierten Kultur zum Opfer. Sie geriet in der Sowjetunion wie auch im Ausland in Vergessenheit und wurde bis heute nur in wissenschaftlichem und kulturellem Umfeld wiederentdeckt.

Eine Rückschau aus politischer Sicht gibt es nicht, zu Unrecht, denn ist es doch vor 1917 für kurze Zeit gelungen, die beiden Modelle des russischen Selbstverständnisses zu verbinden. Eine Reduzierung allein auf die national-orthodoxe Tradition, wie sie von Seiten der offiziellen und Ideologen des Kreml betrieben wird, unterschätzt das emanzipatorische Potential des „Silbernen Zeitalters“. Dies könnte helfen, die gegenwärtigen Debatten um Identität und Geschichte auf eine liberale und pluralistische Grundlage zu stellen, ohne dabei die russischen Traditionen zu vergessen. Das wäre übrigens ganz im Sinne Tschaadaews.

Moskau, 2020

Von Lenin, einem alten Kloster und ungezahlten Gehältern

vom 18.04.2020 10:03:21

Na gut, wirklich unbekannt ist das Historische Museum auf dem Roten Platz in Moskau nicht. Aber mal ehrlich, waren Sie schon mal im Keller, in dem sich die Lenin-Skulpturen türmen, im Depot für Textil und Metall an der Metro Proletarskaja oder im Dokumenten-Archiv beim Izmajlovskij-Park? Diese Gelegenheit hat sich mir erstmals geboten, als ich im letzten Jahr mal wieder für Recherchen im Rahmen der Ausstellung „Weltkrieg 1914-1918“ unterwegs war.

Es fing damit an, dass ich dachte, es hat sich in all den Jahren gar nichts verändert. Als wir nämlich die düstere und schmale Treppe in den Keller des ehemaligen Lenin-Museums hinabstiegen, jetzt eine Abteilung des Historischen Museums, stieß ich fast gegen die Aufsicht, die am Ende dieser Treppe auf einem Stuhl hockte und Zeitung las. Sofort dachte ich an die vielen Posten zur Arbeitsbeschaffung, bei denen man sich in der Sowjetunion immer gefragt hat, worin eigentlich der Arbeitsnutzen besteht. Viel schlimmer aber noch als die Sinnlosigkeit dieser Tätigkeit als Hüter eines Depots, in das sowieso nie jemand kommt, fand ich die Zumutung für diesen armen Menschen, ihn mit seiner einzigen Beschäftigung der Zeitungslektüre auch noch im Halbdunkel sitzen zu lassen. Es dauerte also eine ganze Weile bis mir auffiel: Ich war mit Lenin höchstpersönlich zusammengestoßen – einer lebensgroßen Bronzefigur in einer der weniger verbreiteten Positionen des Zeitungslesers. Und allein war er auch nicht. Neben vielen, vielen andern Lenins – lesend, rezitierend, nachdenkend, vorwärts schreitend, schreibend usw. – gab es da noch zahlreiche Trotzkis, Stalins und andere Genossen. Die Auswahl fiel mir daher entsprechend schwer: Wie wäre es mir einem Lenin-Relief, gegossen aus einer Glocke der vielen, nach der Revolution geschlossenen Kirchen? Oder mit einem lebensgroßen Lenin, der soeben aus dem Exil zurückkehrt, um sich der Revolution vor Ort zu widmen? Den Mantel, den er trägt, können wir auch ausleihen… Entschieden habe ich mich dann für eine Büste, die von der Cousine Churchills Anfang der 20er Jahre angefertigt wurde. Aus Trauer über den Verlust ihres Mannes im Ersten Weltkrieg war sie in die Sowjetunion übergesiedelt und hatte sich der Bildhauerei gewidmet.

Nach einer kurzen Tee-Pause im Dachgeschoss des Hauptgebäudes mit einem sensationellen Blick über den Roten Platz ging’s weiter ans andere Ende der Stadt. Was man an der Metro Proletarskaja nicht unbedingt vermutet, ist das sog. „Vorwerk“, die ehemalige Residenz des Metropoliten von Moskau, später eine Kaserne, in dem auch Alexander Herzen inhaftiert gewesen ist. Hier hat das Historische Museum Teile seiner Sammlungen untergebracht. Es ist, als ob man nicht nur einen eigenen Bezirk der Stadt betritt, sondern darüber hinaus auch die Jetzt-Zeit verlässt und in die zaristische Vergangenheit eintaucht. Ich bin sicher, dass auch die Kollegen aus Spandau mir zustimmen würden, dass das viel romantischer ist als eine Kaserne. Allerdings sind die Zustände weit weniger komfortabel: Zum Teil ohne Heizung, fließend Wasser gibt es nur in einigen Gebäuden und das auch nur, wenn die Wasserleitung nicht gerade defekt ist.

Weiter ging’s wieder an ein anderes Ende der Stadt. Auch dorthin hat das Historische Museum Teile seiner Sammlung ausgelagert und zwar in den ehemaligen Stammsitz der letzten Zarendynastie, der Romanovs. Auch dies ein wunderschöner Ort, allerdings mit fast noch weniger Komfort als der vorige. Hier habe ich einige Tage in Dokumenten und alten Zeitungen recherchiert, dabei in den gemeinsamen Teepausen immer wieder voller Respekt gedacht, wie viel Engagement und Liebe zum Museum die Moskauer Kollegen haben müssen, um unter diesen Bedingungen zu arbeiten: nur eine mehr oder weniger funktionierende Toilette, nur ein Wasseranschluss für ein riesiges Gebäude in eben dieser Toilette und einen uralten Kühlschrank für die von zu Hause mitgebrachten Schätze. Und das alles bei winzigen Gehältern, die ohne die Ergänzung zusätzlicher Jobs nicht zum Leben reichen – wenn sie überhaupt ausgezahlt werden.

Es bleibt mir also auch diesmal wieder, zum Abschluss meine Freude zum Ausdruck zu bringen, dass ich diese, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Orte in Moskau besuchen konnte und den Kollegen wärmstens eine Ausstellung über altrussische Geschichte zu empfehlen.

Sommer 2003

Die russische Armee – Dein Freund und Helfer

vom 18.04.2020 09:59:06

Hat man als Tourist vor der Wende in der Sowjetunion Brücken oder technische Anlagen mit potentiell militärischem Bezug fotografiert, so konnte man schon mal eine Nacht im örtlichen Gefängnis verbringen – und der Film war sowieso verloren. Was früher sofort mit möglicher Spionage in Verbindung gebracht wurde, ist heute nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, wie ich kürzlich bei meiner Moskau-Reise für das Projekt „Der Große Krieg 1914-1918“ erfuhr.

Mit „normalen“, will sagen zivilen Museen in Russland zu kooperieren, ist schon ein Erlebnis. Abenteuerlich dagegen wird es mit den Armeemuseen. Während ich für die Terminabsprache in der Tretjakov-Galerie oder dem Historischen Museum schon mehrere Arbeitsstunden am Telefon verbracht habe, um die richtige Faxnummer herauszufinden, endete diese Prozedur beim „Zentralen Museum für Grenztruppen Russlands“ mit der Feststellung, es sei kein Fax im Hause, ich müsse meine Anfrage schon per Post stellen. Diese Mühe hat sich gelohnt!

Am Eingang des ziemlich versteckten Museums wurde ich zunächst von ca. 6 uniformierten Damen gestoppt, die mich verwundert nach meinem Anliegen fragten. Nach mehreren Telefonaten, die der Ankündigung „einer Ausländerin“ dienten, sah ich mich einem recht kleinen, aber adretten jungen Mann in Uniform gegenüber, der mich militärisch begrüßte. Leicht verlegen begleitete er mich in das Zimmer des Direktors. Zu seiner nicht geringen Bestürzung war dieser nicht anwesend, so dass er mich bat, Platz zu nehmen. Ob ich Tee wolle? Ja, gerne, wenn es keine Umstände macht. Nein, natürlich nicht. Kurze Pause. Es folgte ein hektisches Öffnen aller verfügbaren Schränke. Zunächst wurde eine leicht zerknitterte Plastiktischdecke aufgelegt und der im Zimmer befindliche Wasserkocher angestellt (einen Samowar sieht man in Russland selten). Dann folgten – im Tempo eines Slapstickfilms – Teetassen, eine Packung Teebeutel, wasserlöslicher Kaffee, die Zuckerdose, Löffel, ein Teller mit Keksen, eine Schachtel mit Pralinen, Gläser und – eine Flasche Wodka. Wieder eine kurze Pause. Zur allgemeinen Erleichterung erschien sodann der Direktor. Mit strahlendem Lächeln unter der großen Militärmütze begrüßte er mich mit dem Hinweis, dass gerade heute morgen meine Liste mit den Objektwünschen und weiteren Informationen eingetroffen sei. Einem kritischen Blick auf den gedeckten Tisch folgte der Hinweis an den jungen Kollegen, es handle sich um die falsche Tischdecke, er möge das doch bitte korrigieren. Also wurde alles wieder abgeräumt, eine nicht verknitterte Stofftischdecke aufgelegt, und alle Köstlichkeiten wieder aufgetischt. Der Wodka, so der Direktor, sei mehr symbolisch zu verstehen, schließlich handle es sich um ein Vorurteil, dass die Russen immer und bei jeder Gelegenheit trinken.

Auf diese Weise entstand eine angenehme, freundschaftliche Atmosphäre, die nur kurzfristig durch die lachende Bemerkung des Direktors unterbrochen wurde, es sei ja erstaunlich, dass ich russisch spräche – ich sei also nicht nur attraktiv, sondern auch noch klug, was bei einer Frau schon auffalle. Nachdem auch das geklärt war, brachen wir in die Ausstellung auf, die mir von den Anfängen der Grenztruppen in grauer Vorzeit bis ins Jahre 2002 ausführlich präsentiert wurde. Bei den Objekten zum Ersten Weltkrieg angelangt, bat ich um die Erlaubnis, fotografieren zu dürfen. Ja, warum ich das denn nicht vorher gesagt hätte, das sei ja überhaupt kein Problem – sprach’s, entführte mir die Digitalkamera und begann, mich vor buchstäblich jeder Vitrine der Ausstellung abzulichten – zur Erinnerung gewissermaßen. Diese Prozedur endete erst in dem großen Saal zu Ehren der Truppenführer, als es mir gelang, nicht mich zum Gegenstand des Fotos zu machen, sondern die beiden Herren, worüber sie sich aufrichtig freuten. Detaillierte Aufnahmen von Waffen aller Art, Dokumentationen der Kontrollmethoden an den Grenzen oder beschlagnahmter Schmuggelware konnte ich übrigens später so viele machen, wie ich wollte. Auch die Depots waren mir uneingeschränkt zugänglich, immer wieder kamen Adjutanten, Generäle oder Gefreite vorbei, um sich nach meinen Fortschritten zu erkundigen und ihrer Vorfreude auf die Kooperation Ausdruck zu geben. Zum Abschluss gab es dann noch mal Tee, diesmal dann doch in Verbindung mit einem klitzekleinen Wodka, sowie zahlreiche Souvenirs, die nun mein Büro schmücken. Sollte also irgendjemand von den Kollegen die Absicht haben, eine Ausstellung über russische Grenzregimenter zu veranstalten, kann ich nur wärmsten zuraten!

Juni 2002