/homepages/27/d711558595/htdocs/clickandbuilds/Tradicia/miszellen.php Tradicia - Miszellen

Miszellen

In dieser Rubrik publiziere ich sehr unterschiedliche Texte, die nicht in die Kategorie wissenschaftlicher Veröffentlichungen fallen, wie sie in der Publikationsliste aufgeführt sind: Reiseberichte, Kommentare, Glossen, Notizen und literarische Experimente. Kenner werden sich wundern, warum die Rubrik dennoch mit Miszellen überschrieben ist, wenn es doch gerade nicht um wissenschaftliche Kurztexte geht. Das lateinische Wort miscellaneus meint gemischt, und so hat auch Theodor Fontane ihn verstanden, als er darunter in „Über Land und Meer“ ein unterhaltsames Erzählen, allerlei oder auch Anekdoten aus allen fünf Weltteilen verstand. Daran möchte ich mich orientieren, und darüber hinaus scheint es mir die beste Entsprechung des russischen очерк zu sein. Allerdings erscheinen hier nur Texte auf deutsch, denn so sehr ich die russische Sprache auch liebe, ich werde sie wohl nie auf einem zufriedenstellenden Niveau der Schriftsprache beherrschen.

Igor Vassilevich und die ukrainische Armee

vom 29.12.2021 11:27:50

Welche Truppen? Sie meinen sicher das „Museum des Großen Vaterländischen Krieges“. Da sind Sie hier total falsch, das liegt am anderen Ende der Stadt. Nein, ich meine das „Museum der Geschichte der Streitkräfte“ und das muss hier in der Nähe sein. Ratloses Schweigen. So geht es mir ungefähr 10 Mal bis ich mich wenigstens erfolgreich zum Haus der Offiziere durchgefragt habe. Wenigstens hier muss man doch über die eigenen Truppen Bescheid wissen, auch wenn ich in Ermangelung ukrainischer Sprachkenntnisse das hier allseits übliche Russisch verwende. Befremdlicherweise gelingt es mir auch hier erst nach einigen Versuchen, eine Wegbeschreibung zu erhalten. Dabei handelt es sich immerhin um das landeseigene, also ukrainische Truppenmuseum, das sich eben der heimatlichen Armee widmet und NICHT der sowieso russischen Sowjetarmee. Aber um ehrlich zu sein, bestätigt das nur meine Erfahrung, dass es die Ukrainer mit der Emanzipation von dem großen Bruder nicht allzu genau nehmen. Doch diese Rechnung habe ich ohne Igor Vassilevich gemacht. Und der wartet schon vor der Tür des Museums auf dem Bürgersteig auf mich. Zielsicher und siegesgewiss begrüßt er mich mit Namen, bevor ich überhaupt Guten Tag sagen kann. Energisch führt er mich ins Innere der heiligen Hallen und beginnt ohne Umschweife seinen Vortrag, der nun auch für die nächsten drei Tage andauert.

Ich bin also angekommen an einem weiteren Ziel meiner Recherchereisen für das Ausstellungsprojekt „Weltkrieg. 1914-1918“. Bei den Reisevorbereitungen in Berlin habe ich mich ohne Zögern außer für das Historische Museum und das Stadtmuseum auch für den Besuch des „Museums der Geschichte der Streitkräfte“ entschieden – wo sonst sollten die militärgeschichtlichen Objekte zu unserem Thema sein? Immerhin hat die Ukraine sich im Laufe des Ersten Weltkrieges von Russland emanzipiert und schließlich – wenn auch zugegebenermaßen nur kurz – die Unabhängigkeit erreicht. Aber hier liegt wahrscheinlich der Hase im Pfeffer. Oder der Hund begraben, wie es auf russisch heißt. Angesichts der nur kurzen ukrainischen Freiheit 1918/19 sowie seit 1991 nach ein paar hundert Jahren russischer Vorherrschaft bleibt das „Museum der Geschichte der Truppen“ unter dem allgegenwärtigen „Staatlichen Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges“ begraben.

Wie dem auch sei, nun bin ich eben mal hier, und komme auch sowieso nicht mehr weg. Igor Vassilevich hat mich im Griff und zwar im buchstäblichen Sinne. Er geleitet mich die Paradetreppe zu den Gefilden des – wie in der Sowjetunion – allmächtigen Direktors hinauf. Dabei macht er sich offensichtlich so große Sorgen um seine Chance, mich in die Geheimnisse der ukrainischen Heeresgeschichte einzuweihen, dass er mich unbeirrbar am angewinkelten Unterarm stützt, an meiner rechten Seite versteht sich. Vor- und Vatersname machen übrigens im Russischen die offizielle Anrede aus, der Nachname wird in der alten Schule gar nicht erwähnt. Und Igor Vassilevich ist ein Musterbeispiel der alten Schule.

Davon zeugt auch der Respekt, den er dem deutlich jüngeren, smarten Direktor in Uniform zollt, wenn auch mit leicht süffisantem Lächeln. Dieser versichert mich der uneingeschränkten Unterstützung und weist mir – na? – Igor Vassilevich als offiziellen Begleiter zu. Wir könnten über alle Exponate des Hauses verfügen, die wir benötigen. Leider seien das nicht sehr viele (obwohl die Ukrainer doch schon Jahrhunderte nach Unabhängigkeit streben?!), aber die könne ich mir ja jetzt erst mal ansehen. Man entlässt mich also in die Ausstellung in Begleitung von Igor Vassilevich.

Ich hätte schon stutzig werden müssen bei der Frage des Direktors, ob ich gut zuhören könnte. Als der sich dann aber am Eingang der Ausstellung verabschiedet mit dem Hinweis, er hätte doch noch ziemlich viel zu tun, da schwante es mir schon. Igor Vassilevich dagegen lächelt zuversichtlich und – zückt seinen Zeigestock. Die Tatsache, dass er zivil gekleidet ist, hatte mir irrtümlich den Eindruck vermittelt, er denke vielleicht auch zivil, aber weit gefehlt. Wahrscheinlich wurde ihm ein Anzug nahegelegt, um die Besucher nicht vollends einzuschüchtern. Das jedenfalls gelingt ihm bei mir in den nächsten 2,5 Stunden [sic] vortrefflich und eigentlich habe ich sonst keine Schwierigkeiten, zu Wort zu kommen. Im Stile alter sowjetischer Pädagogik unterbricht er seinen monologartigen Frontalvortrag vor den streng gegliederten, geschlossenen Vitrinen von Zeit zu Zeit mit der scharfen Frage: „Ist das jetzt klar?“ Ich nicke gehorsam, notiere, wie von mir erwartet, die Fakten und schaue dabei verstohlen auf die Uhr. Kurz vor der völligen Erschöpfung zeigt sich wieder ein Lächeln auf den Lippen Igor Vassilevichs. Zu der Zeit des Bürgerkriegs kommen wir dann morgen. Erleichterung – doch: Bevor ich gehe, muss ich unbedingt einen Blick in die Sonderausstellung werfen. Diese soll endgültig dazu dienen, mich von der schon immer bestehenden Unabhängigkeit des ukrainischen Heeres zu überzeugen. Zu sehen sind Krieger der Steinzeit.

Als Fazit lässt sich festhalten: Objekte des Streitkräftemuseums werden wir leider kaum ausleihen, was nicht nur an der in der Tat kleinen Sammlung des noch jungen Hauses liegt. Vielmehr können die Objekte, so Igor Vassilevich bestimmt und in wunderbar bewusster Ignoranz der Worte des Direktors, aus der Ausstellung nicht entfernt werden – wie sollte man sonst die ukrainische Unabhängigkeit vermitteln? Wie auch immer, ich fahre befriedigt wieder ab, bin ich doch sehr gastfreundlich und höflich empfangen worden, habe viel über die Ukraine oder auch die Sowjetunion gelernt und möchte unbedingt empfehlen, mal eine Ausstellung über die ukrainische Unabhängigkeit zu machen.

Kristiane Burchardi, 2003

„Wir sind doch nicht in Russland“

vom 29.12.2021 11:26:53

Ich bin ganz aufgeregt. Endlich geht es auch für mich zu einem Originalschauplatz – ich bin wieder unterwegs zu Recherchen für unsere Ausstellung „Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“. Eigentlich seltsam: Der Krieg hat im Osten genauso gewütet wie im Westen und Süden und unsere Ausstellung legt sogar einen Schwerpunkt auf diese wenig bekannten Fronten. Und doch sind bisher nur die Kollegen der Westfront auf den ehemaligen Schlachtfeldern in Ypern, an der Somme und Verdun gewesen – sind doch (fast) alle Spuren des „Großen Krieges“ in Osteuropa vergessen oder gar vernichtet worden.

Aber auch meine Chance kommt: Ich fahre nach Litauen, genauer gesagt nach Kaunas (früher Kowno). Aus alten Studienzeiten in Moskau weiß ich, dass das Baltikum das Paradies sein kann: Über Nacht mit dem Zug in eine der drei Hauptstädte im äußersten Osten der Sowjetunion, konnte man schon mal mit dem Gefühl erwachen, zurück in der Zivilisation zu sein: Cafés, eine gemütliche Altstadt und freundliche Menschen. Eben nicht Russland. Ich gehe also optimistisch an die Sache heran, bleibe aber – aus Gewohnheit sozusagen – skeptisch. Schließlich geht es immer noch nach Osten, das EU-Referendum ist noch nicht entschieden und 70 Jahre Sozialismus hinterlassen schließlich ihre Spuren.

Die Kontaktaufnahme ist erfreulich unkompliziert: das Fax funktioniert und eine gemeinsame Sprache am Telefon ist auch bald gefunden – russisch. Der Pförtner des Museums, so denke ich mir, wird auf seine alten Tage eben kein Englisch mehr lernen wollen. Er verspricht mir, meinen Anruf weiterzuleiten und bittet mich, am nächsten Tag gegen 9.00 Uhr wieder anzurufen. Ich lasse mir Zeit, hat doch der Pförtner sicher überhaupt nichts weitergeleitet und wer arbeitet in Osteuropa schon vor 11.00 Uhr morgens (was kein Vorwurf ist, denn erst mal muss ja der Alltag geregelt, der dritte Job erledigt und die Babuschka versorgt werden). Ich rufe also gegen 11.30 Uhr an, der Sammlungsleiter persönlich – der Einfachheit halber bleiben wir gleich beim Vornamen, litauisch ist so kompliziert – nimmt das Gespräch (unter der Nummer des Pförtners) entgegen und teilt mir zu meiner nicht geringen Bestürzung mit, dass er schon lange auf meinen Anruf warte, er habe ja auch nicht den ganzen Tag Zeit. Ich entschuldige mich für die Verspätung und abermals für die Verwendung des Russischen, die mein Gegenüber fraglos gewählt hat. Da solle ich mir mal keine Sorgen machen, meint Arvydas, die Sprache könne ja schließlich nichts dafür. Im übrigen sehe man das hier nicht so eng, Russisch diene eben als Verkehrssprache wenn nötig, ohne damit einen Überlegenheitsanspruch zu verbinden. Man sei ja schließlich nicht in Russland. Ok, das kann ich nachvollziehen, klingt plausibel und vor allem – pragmatisch. Noch im selben Telefonat (!) werden alle Einzelheiten meiner Reise besprochen, die Flugnummer abgefragt und kurzerhand entschieden, dass man mich am Sonntag Nachmittag vom Flughafen n Vilnius abholen werde.

Ob das mal gut geht, denke ich mir, als ich abflugbereit im Angesicht der Propellermaschine der Lithuanian Airline sitze. Doch wieder muss ich mich eines Besseren belehren lassen: Eine SMS (ich fasse es nicht!) bestätigt, dass man mich am Flughafen erwarte. Immerhin ist Vilnius eine gute Stunde von Kaunas entfernt und nicht etwa weil die Fahrt langweilig werden könnte, sondern vielmehr, weil man diese Zeit gut nutzen kann, hat Arvydas Almingantas mitgebracht. Almingantas ist der Freund und Kollege von Arvydas, genaugenommen verkörpern die beiden nicht nur das Kriegsmuseum Kaunas, sondern auch die Kulturpflege und Heimatgeschichte der Region. All das erfahre ich auf der Autofahrt, angefangen von der wechselvollen Geschichte der Stadt Kaunas (die mal Hauptstadt Litauens war und dem Museum eine Periode als Nationalmuseum beschert hat), über das Ergebnis des EU-Referendums, das just heute mit einer überwältigenden Mehrheit bestätigt hat, was alle wussten: Litauen gehört zu Europa und nicht zu Russland, bis hin zu den Re-Enactment-Aktivitäten meiner beiden Begleiter (schließlich hat Napoleon bei Kaunas den Njemen/die Memel überquert). Unsere Ausstellung ist sicher wichtig und richtig, und sie helfen auch gerne, wie sie können, aber ein bisschen ungünstig ist der Zeitpunkt meines Besuchs doch. Gerade im Sommer nämlich wird alljährlich die Schlacht mit hunderten von Menschen und Pferden nachgestellt und Arvydas und Almingantas sind in vorderster Front dabei. Später, im Büro, werde ich mich noch davon überzeugen können, wird doch hier auf ca. 6 qm sämtliches Equipment für das Ereignis aufbewahrt.

Aber zum Ersten Weltkrieg in Kaunas weiß Arvydas auch viel zu erzählen und das tut er auch zwischen Handy-Telefonaten, Festnetz-Gesprächen, Betreuung von Besuchern, die ihm Gegenstände bringen, die sie beim Umgraben des Gartens gefunden haben, und der Bewältigung der sonstigen Alltagsstücken. Von einem ruhigen russischen Alltag keine Spur. Da öffnet sich ein Zeitfenster von ca. 45 Minuten – ideal, um die Originalschauplätze zu besichtigen. Rein ins Auto, raus aus der Stadt, hin zur Festung. Ich bin beeindruckt, mache Fotos und frage ihn nach den überall sichtbaren Spuren von Geschossen und Granaten. Während er meine Fragen beantwortet, besichtigen wir auf dem Rückweg zwei Soldatenfriedhöfe und einen Gedenkstein auf einem ehemaligen Schlachtfeld. Leicht erschöpft hoffe ich auf den Abend im Hotel, doch schon bald ist mir klar: Nicht mit Arvydas. Nebst Almingantas stoßen nun auch die beiden Ehefrauen zu uns, begleiten uns in die Altstadt zum traditionellen litauischen Bier und Essen.

So geht es munter weiter in den nächsten Tagen, Material und Exponate zum Ersten Weltkrieg werden mir ausreichend vorgeführt und um Zeit zu sparen, werden alle Inventarkarten kurzerhand kopiert – wir sind ja schließlich nicht in Russland. Bleibt mir zum Abschluss einer fulminanten Reise also nur noch der Rat: Sollte jemand von den Kollegen jemals eine Ausstellung über litauische Geschichte planen, so sollte er das am Beispiel von Kaunas tun!

Kristiane Burchardi, 2003

Der Direktor an sich

vom 29.12.2021 11:26:05

Schon unsere erste Begegnung macht deutlich, nach welchen Regeln hier gespielt wird. Ich meine das durchaus positiv, zumal mir das Spiel nach Jahren meiner Arbeit mit Russland vertraut ist: Hierarchien strukturieren das Leben und die Arbeit, der Mann ist nach wie vor der Chef, und Anerkennung verdient man sich mit dem Alter. Kurz: Hier ist die Welt noch in Ordnung. So liegt der Fall auch mit Prof. Dr. Anatolij Andreevich Budko, seines Zeichens Oberst der Russischen Streitkräfte und Generaldirektor des Kriegsmedizinischen Museums in St. Petersburg.

Ganz nach den Regeln also nehme ich gerne das Angebot von Herrn Dr. Jahn an, mich zu avisieren, während Herr Budko als langjähriger Partner des Hauses in Karlshorst weilt. Der Generaldirektor zeigt sich angetan von unserem Ausstellungsprojekt „Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“ und so vereinbaren wir einen Recherchetermin in Petersburg, dem selbstverständlich ein offizielles Anschreiben unseres Generaldirektors an ihn sowie das Verteidigungsministerium vorausgehen. So sind eben die Regeln.

Die Organisation der Reise verläuft erfreulich unkompliziert, Termine werden früh gemacht, rechtzeitig bestätigt, Wunschlisten per mail versandt. Auch vor Ort ist alles dank des allmächtigen Direktors aufs Beste geregelt. Ein Mitarbeiter des Hauses wird mir zugeteilt, macht Termine für mich bei den Sammlungsleitern, sorgt für regelmäßige Pausen, kopiert und scannt Fotos und Karteikarten. Als der Moment gekommen ist, begleitet er mich zum Vorzimmer des Generaldirektors zwecks Antrittsbesuch. Allein mit der Chefsekretärin, bittet sie mich Platz zu nehmen, greift zum Telefonhörer, um mich anzumelden. Selbstverständlich muss ich fünf Minuten warten. Sodann in dem riesigen, imposant möblierten Raum mit einem mächtigen Eichenschreibtisch geleitet mich der Direktor in Uniform zu einem kleinen Tisch unter dem Portrait Putins, wo ein Imbiss angerichtet ist. Wir nehmen Platz, der Generaldirektor greift zur mobilen Telefonstation, um die Sekretärin im Vorzimmer zu bitten, den Tee einzuschenken, der auf dem Tisch steht. Während sie ihm zwei Stücke Zucker in die Tasse tut, fragt sie auch mich, ob ich Zucker möchte, der ebenfalls auf dem Tisch steht. Erst als sich die doppelte, mit Leder bezogene Tür geschlossen hat, ergreift der Direktor das Wort. Er erkundigt sich, stets den Telefonhörer in der Hand, ob alles nach meinen Vorstellungen verlaufe, telefoniert immer wieder, um Anweisungen zu geben, lässt den für mich abgestellten Begleiter kommen, um auch ihm diese seine Wünsche noch mal einzuschärfen. Dann wie selbstverständlich die Frage, ob ich denn auch an mein Vergnügen gedacht hätte, wenn ich schon mal im sommerlichen Petersburg sei. Nein, keine Widerrede, von Montag bis Mittwoch werde zügig gearbeitet, Donnerstag und Freitag sei für Sightseeing vorgesehen. Als ich einfließen lasse, dass ich in der Tat nichts dagegen hätte, das Bernsteinzimmer zu besichtigen, sehen sich beide Herren bedeutungsvoll an und teilen mir geduldig mit, dass das im Jubiläumsjahr als unangemeldeter Einzelbesucher so gut wie unmöglich sei. Sprach’s, greift zum Telefon, bestellt ein Gespräch mit Leutnant X, das die Sekretärin sofort herstellt. Wie es der Gattin und den Kindern gehe? Und wie man einen Besuch des Bernsteinzimmers für einen Gast aus Berlin regeln könne. Ja, das habe er sich gedacht, Donnerstag dann also, um 10.00 Uhr am Seiteneingang. Und damit ich mich auch nicht verirre, regelt ein weiteres Telefongespräch meine Begleitung. Diese erzählt mir während unseres Ausflugs, wie sich die Arbeit im Museum verändert in den letzten fünf Jahren habe, seit Anatolij Andreevich als Direktor ans Haus gekommen sei. Was schon immer mal hätte getan werden müssen, nimmt er in Angriff, arbeitet selbst unermüdlich und hält seine Mitarbeiter auf Trab. Anders als früher, so die Leiterin der Ausstellungsabteilung, könne man jetzt nichts mehr nebenher machen, müsse regelmäßig anwesend sein und – das Schlimmste – dürfe nicht mehr bei der Arbeit rauchen. Aber ein „molodec“ sein er, der Direktor – ein Prachtkerl.

Zurück bei der Arbeit eilt der Direktor mit mir im Stechschritt durch mehrere Zimmer, deren aufgeschreckten Insassen er mich vorstellt und verschiedene Anweisungen erteilt. Niemand verzieht angesichts dieser natürlichen Ordnung der Dinge auch nur eine Miene, allein mein Begleiter zwinkert mir einmal fast unmerklich zu. Abschließend finde ich mich wieder im Vorzimmer der Chefsekretärin wieder, in Erwartung letzter wichtiger Informationen für unsere Kooperation. Was aber den Generaldirektor wirklich umtreibt, ist etwas anderes. Wie denn Modalitäten für die Einladungen nach Berlin seien. Aha, ein Kurier, was der denn für Aufgaben habe? So so, die Installation der Objekte. Aber das könnten doch unsere Restauratoren sicher auch alleine und das wiederum böte ihm die Möglichkeit, seine Tochter mit zur Eröffnung zu bringen…

Wie dem auch sei, mir war es wieder mal ein Vergnügen, ein neues Museum und andere Arbeitsweisen kennen zu lernen. Insgeheim wünsche ich mir eine Ausstellung über die Geschichte der Kriegsmedizin – die Kooperation mit dem Kriegsmedizinischen Museum in St. Petersburg wäre ein Vergnügen.

Kristiane Burchardi, 2003

Fernsehprobleme

vom 24.04.2020 16:30:44

Heute morgen war der Haustechniker wegen Problemen beim Fernsehempfang bei uns. Sofort sah er die Postkarte von Wasili Polenows Gemälde Großmutters Garten (1878) auf der Kommode und begann, von dem Künstler zu schwärmen. Dabei schaute er träumerisch auf die dargestellte Szene des Spaziergangs einer alten Dame in einem schwarzen Kleid mit Gehstock, gestützt von einer jungen Frau in einem hellen Sommerkleid in einem romantisch wildwüchsigen Garten, im Hintergrund ein einstmals prächtiges Herrenhaus.

Ich erzählte dem Techniker, dass wir am Wochenende die Ausstellung von Polenows Werken in der Tretjakow-Galerie gesehen hatten und dafür lange hatten anstehen mussten. „Ja, klar“, sagte er, „Polenow ist schon etwas ganz Besonderes.“ Dann erzählte er mir, dass zwei Stunden von Moskau entfernt noch immer dessen Geburtshaus steht, das heute von seiner Enkelin geleitet wird. „Gebaut hat er das Haus von dem Geld, das er vom Zaren für sein berühmtes Gemälde von Christus Wer wirft den ersten Stein? bekommen hat. Da müssen Sie unbedingt hinfahren, am besten im Frühling, wenn alles blüht,“ schwärmte er.

Wir haben uns dann noch lange philosophisch über das Motiv auf der Postkarte ausgetauscht. Ich erzählte ihm, dass ich sie für meine 92-jäjhrige Mutter gekauft habe, weil der gemeinsame Spaziergang, wie mir scheint von Mutter und Tochter so tröstlich wirkt. „Das täuscht“, der Fernsehfachmann hob die Augenbrauen. „Das Anwesen, die harmonische Darstellung der Personen, all das sieht aus wie die gute alte Zeit. Wenn man aber genau hinsieht, erkennt man, dass all das bereits im Verfall begriffen ist. Die sogenannten guten alten Zeiten neigen sich dem Ende zu.“ Ich konnte ihm nur zustimmen, und wünschte mir, dass ich öfter Probleme mit dem Fernseher hätte.

Moskau, März 2020

Slawohile und Westler

vom 18.04.2020 10:28:51

„Kein einziger brauchbarer Gedanke ist auf dem unfruchtbaren Boden unseres Vaterlandes erwachsen“, schrieb 1836 der russische Intellektuelle Petr Tschaadaew. „Wir gehören weder zum Osten noch zum Westen, haben weder die eine noch die andere Tradition. Wir leben gleichsam außerhalb der Geschichte, die allgemeine Erziehung des Menschgeschlechtes ist spurlos an uns vorübergegangen.“ Sein philosophischer Brief war ein Angriff gegen die reaktionäre Politik des Zaren Nikolaus I. Der ließ ihn auch prompt für verrückt erklären und zwang ihn, seine Vorwürfe in einer weiteren Schrift, der „Apologie eines Wahnsinnigen“, zurückzunehmen. Vollkommen unberührt von der Kritik Tschaadaevs sahen die konservativen Kräfte die Überlegenheit der Entwicklung Russlands im Lichte der „Heiligen Allianz“ als bestätigt an. Dieses Abkommen stellte den Sieg der zaristischen Selbstherrschaft über Napoleon in die Linie des Jahrhunderte alten Bundes mit der orthodoxen Kirche.

Tschaadaew freilich hatte eine Debatte ausgelöst, die selbst die reaktionäre Politik aufzuhalten nicht in der Lage war. Seit er das Thema der russischen Identität aufgeworfen hatte, war diese zweigeteilt: Die Intellektuellen spalteten sich in die Lager der „Slawophilen“ und der „Westler“. Die einen sprachen Russland die Aufgabe zu, die Welt durch den Zaren und die Orthodoxie zu retten, die anderen zogen die direkte Konsequenz aus den Ausführungen Tschaadaews und forderten eine Angleichung des Imperiums an Westeuropa in allen Bereichen des Lebens. Die Auseinandersetzung, die in den 40er Jahren begonnen hatte, setzte sich bis ins 20. Jahrhundert fort. Nihilisten, Utilitaristen, sogenannte Volkstümler und Sozialisten setzen die westlerische, der Schriftsteller Fjodor Dostoewski und der Philosoph Wladimir Solowjow die slawophile Tradition fort.

Dabei hatte Tschaadaew selbst die Synthese beider Positionen im Blick gehabt. Er schrieb: Die „Lage zwischen den beiden großen Weltteilen, dem Orient und dem Okzident hätte uns gerade befähigen sollen, die beiden großen Prinzipien der Vernunft, Phantasie und Verstand, in uns zu vereinen und in unserer Kultur die Geschichte des ganzen Erdballs zusammenzufassen“. Dieser Versuch der Synthese westlicher und östlicher Traditionen zu einer genuin russischen Identität wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem Teil der Intellektuellen unternommen. Philosophisch vorbereitet durch Solowjow, der die slawophile Tradition mit den Grundlagen des deutschen Idealismus zu verbinden versucht hatte, war das „Silberne Zeitalter“ vom westlichen Einfluss des Symbolismus ebenso geprägt wie dem Bemühen, dem aus Europa importierten Sozialismus eine russische Alternative zu bieten. Eine für die russische Geistesgeschichte kennzeichnende Wechselwirkung von Philosophie, Literatur, Religion und Geschichte gaben dieser Periode, in der Russland und Europa sich so nahe waren, ihre eigene Signatur. Westlicher Individualismus, die Grundrechte der Persönlichkeit und politische Demokratie sollten mit den russischen Traditionen der religiösen Gemeinschaft und der Anerkennung der eigenen geistesgeschichtlichen Leistungen verbunden werden. Die breit angelegte Entwicklung wurde freilich durch die Revolution 1917 jäh unterbrochen. Die Vielfalt der geistigen Strömungen fiel einer nunmehr gänzlich sozialistisch definierten Kultur zum Opfer. Sie geriet in der Sowjetunion wie auch im Ausland in Vergessenheit und wurde bis heute nur in wissenschaftlichem und kulturellem Umfeld wiederentdeckt.

Eine Rückschau aus politischer Sicht gibt es nicht, zu Unrecht, denn ist es doch vor 1917 für kurze Zeit gelungen, die beiden Modelle des russischen Selbstverständnisses zu verbinden. Eine Reduzierung allein auf die national-orthodoxe Tradition, wie sie von Seiten der offiziellen und Ideologen des Kreml betrieben wird, unterschätzt das emanzipatorische Potential des „Silbernen Zeitalters“. Dies könnte helfen, die gegenwärtigen Debatten um Identität und Geschichte auf eine liberale und pluralistische Grundlage zu stellen, ohne dabei die russischen Traditionen zu vergessen. Das wäre übrigens ganz im Sinne Tschaadaews.

Moskau, 2020

Ein Wochenende in Masuren

vom 18.04.2020 10:27:16

Meist können wir mit unserem derzeitigen Wohnort in Minsk bzw. Belarus bei Mitreisenden, Freunden oder Bekannten wohliges Erstaunen hervorrufen. Nicht selten werden Fragen nach dem Grad der Zivilisation und den Extremen des Klimas gestellt. Nicht so bei einem Ausflug zu Freunden in das benachbarte Polen, wo wir 50 km von der russischen Grenze an den Masurischen Seen in ein wahrlich globales Dorf geraten sind.

Die Gastgeber selbst hatten gerade einige Jahre im, freilich wenig beliebten, Nachbarland verbracht, wo wir sie auch kennengelernt hatten. Weitere Sommergäste stammten aus Warschau, darunter gebürtige Polen, die Belarus sowieso für eine eigentlich polnische Provinz halten – wie übrigens auch den heute russischen Teil Ostpreußens, große Teile Litauens, einige Gegenden der Ukraine usw. Andere kamen zwar aus Warschau angereist, wo sie sogar einen festen Wohnsitz haben, aber aus aller Herrn Länder zugereist sind: Jean-Louis ist von tadelloser französischer Geburt wie Erscheinung, spricht glänzendes Englisch mit wunderbarem französischem Akzent und vertritt ein französisches Unternehmen in Polen. Seine Zukünftige (die Hochzeit auf den französischen Gütern steht unmittelbar bevor), Tanja, stammt aus der östlichen Ukraine, wo sie aber schon 10 Jahre nicht mehr war (weil ihre Eltern seit langem in Odessa leben), weil sie zunächst in Kiew, später in Moskau gearbeitet hat, wo sie sich aber angesichts des rüden Gebarens der russischen Polizei als Bürgerin eines freien und demokratischen Landes nicht willkommen fühlte und in das europäische Warschau übersiedelte. All das, versteht, sich in makellosem Englisch, wahlweise russisch oder polnisch.

Mit von der Partie war ihre Schwester Anja, die tags zuvor für eine Stippvisite zu ihrer Schwester nach Warschau gekommen war, und zwar aus Madrid, wo sie vorübergehend wohnt und natürlich spanisch gelernt hat, bevor sie mit ihrem spanischen Freund in die USA übersiedelt, wo nun mal die Kunden ihres gemeinsamen Internetbusinessunternehmens leben.

Jean-Louis, Tanja und Anja sind allesamt Freunde des Sohnes des Hausherren, der ebenfalls mit seiner Frau aus Warschau anwesend war und jüngste Reiseberichte von Ausflügen nach Nepal und Mexiko beisteuerte. Die Eltern trugen es mit Fassung, freuten sich auf ein ruhiges Wochenende im Ferienhaus und wollten von Minsk sowieso schon nichts mehr wissen. Da waren sie nicht die einzigen.

Minsk, 2013

Globalisierung

vom 18.04.2020 10:25:36

Bisher dachte ich immer, mit Belarus eine einigermaßen interessante Destination beim Reisen zu haben. Wie normal und europäisch Weißrussland allerdings ist, erfuhr ich neulich bei meiner Ankunft am Frankfurter Flughafen. Eine junge Blondine aus den USA verwickelte, zunächst auf Englisch, zahlreiche Fahrgäste des Flughafentranferbusses in ein Gespräch, in dem die Globalisierung zum Greifen nahe war. Zunächst stellte sie fest, dass sie und ein weiterer Mitreisender sich bereits in London beim Umsteigen getroffen hatten. Wie ich herausstellte, war dieser im heimatlichen Tschad auf Reisen gegangen, von dem die Amerikanerin indessen bisher nichts gehört hatte. Sie selbst war, wie sie freimütig berichtete, heute aus Chicago gekommen, um ihren deutschen Freund, der schüchtern neben ihr Platz genommen hatte, in Frankfurt zu besuchen. Dieses war für den Mann aus dem Tschad nur eine weitere Zwischenstation auf dem Weg nach Magdeburg zum Klassentreffen. Dort war er, wie er nun in nahezu akzentfreiem Deutsch den Umstehenden berichtete, vor 25 Jahren zum Ingenieursstudium gewesen, denn der Tschad habe damals wie heute dringend Fachkräfte gebraucht. Das bestätigte ein Ehepaar mittleren Alters mit Backpacker-Gepäck in reinstem Hochdeutsch, erkundigte sich aber höflich, wo denn Magdeburg gelegen sei. Dies wiederum erstaunte den Zentralafrikaner, der sogleich erfuhr, dass die beiden aus Südafrika stammten und das erste Mal in Deutschland waren. Währenddessen führte die junge Frau aus Chicago ein unangemessen ernstes Gespräch (übrigens in leidlichem deutsch) mit ihrem Freund über die Nachteile einer Fernbeziehung über geschätzte 10.000 km. Aber auch in einem so ernsten Fall spielt offenbar das Wetter eine erhebliche Rolle, weshalb sie sich bei einer bisher unbeteiligten jungen Frau erkundigte, ob die Sommer hier in Deutschland immer so schlecht seien. Diese antwortete, dass sie zwar eine gebürtige Mannheimerin sei, aber seit geraumer Zeit in Dubai lebe, wo die Sommer nebenbei bemerkt immer heiß seien. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kam mir Belarus so unspektakulär zentraleuropäisch vor wie sonst nur Magdeburg oder Mannheim.

Berlin, 2012

Frauenpower

vom 18.04.2020 10:23:32

Wie das belarussische Nachrichtenportal BelaPan am 14. Oktober schreibt, hat der Präsident verkündet, dass er Frauen zwar sehr schätze, ja sie sogar für „die größte und unnachahmliche Arbeit der Natur“ halte, aber Präsident des Landes könnten sie dann doch nicht werden. Begründung: Das sei eine schwere Arbeit, für die Frauen nicht gemacht seien.

Vorsichtshalber wies wer noch darauf hin, dass 30 % der Sitze im Belarussischen Parlament von Frauen besetzt seien. Der Grund dafür, so Lukaschenko weiter, liege darin, dass er Frauen mehr vertraue als Männern, sie seien verantwortungsbewusst, weniger abenteuerlustig und weniger korrupt. Aber Präsident, nein, dass dann doch nicht. Möglich, so Lukaschenko, ist das in der EU, hier geht es schließlich mehr um die Repräsentation. In Belarus dagegen muss der Präsident hart arbeiten.

Dies tun übrigens viele Frauen in hohen Positionen in Belarus, das jüngste Beispiel ist die Präsidentin der Nationalbank. Auch werden deutlich mehr Museen im Land von Frauen geführt, als das in Deutschland der Fall ist, z.B. das Janka-Kupala-Literatur-Museum (Minsk), das Theater- und Musikmuseum (Minsk), das Kultur- und Palastmuseum in Polock und viele andere.

Minsk, 2011

Ein Urwald mitten in Europa

vom 18.04.2020 10:21:02

Als ich neulich in der Zeitschrift „Kulturaustausch“ über die Bedeutung des Bisons in Belarus las, habe ich sofort bedauert, dass ich es in fast neun Monaten noch nicht geschafft habe, hier in Belarus eines dieser Urviecher mit eigenen Augen und nicht im Zoo zu sehen. Zuletzt habe ich eines im Heimattiergarten [sic!] in Fürstenwalde gesehen. Oder waren das Wisente? Nicht, dass das wirklich wichtig wäre, aber die Tiere tauchen mit großer Regelmäßigkeit und Prominenz in der belarussischen Tourismuswerbung auf. Da wäre es doch interessant zu wissen, ob nun Bisons oder Wisente gemeint sind, oder nicht?

Ein guter Anfang scheint mir die beliebte Wodkamarke „Zubrovka“ zu sein. Sie bildet einen grimmig dreinschauenden Bullen dieser Rasse ab. Ich folge dieser Spur und lerne als erstes, dass es sich bei Zubrovka um eine Grassorte handelt, jedenfalls im russischen Wörterbuch. Im weißrussischen Pendant ist davon nur noch das daraus gebraute alkoholische Getränk übrig. Soweit so gut. Weitere ethymologische Nachforschungen bringen mich zum Zubr– russisch und weißrussisch (!) für Wisent. (Der russische Zubr ist zugleich ein Erzreaktionär, aber das ist sicher eine andere Geschichte.) Mit dem Bison ist es einfacher, es ist auch ein Russland und Belarus ein Bison. Und genau davon schreibt in der erwähnten Zeitschrift der weißrussische Journalist Anton Trafimowitsch und der muss es doch wissen. Also noch mal von vorne.

Wer in Weißrussland eines dieser riesigen Tiere zu Gesicht bekommen will, womit wir wieder bei der Tourismuswerbung wären, fährt in Richtung polnischer Grenze. Dort befindet sich der einzige Urwald in Europa, der Białowieża-Nationalpark – natürlich unter UNESCO-Naturerbeschutz. Das 150.000 ha große Gelände gehört zu Polen und zu Belarus und bietet eine schier unglaubliche Fülle von Flora und Fauna. Dazu gehören auch – Wisente. Ihr zoologischer Name lautet Bison bonasus, womit wir der Verwirrung schon näher kommen. Unglücklicherweise stoße ich gerade hier (und nur hier) auch auf Zubrons (immerhin bringt mich das wieder zu dem Wodka zurück), bei denen es sich offenbar um eine Kreuzung zwischen Rind und Wisent handelt. Erwartungsgemäß wenig zur Klärung tragen diverse Seiten über den Jagdtourismus in Belarus bei. Den Nutzern dieser Informationen scheint es egal zu sein, ob sie Wisente, Bisons oder Zubrons erlegen. Zubrovka wird jedenfalls genug dabei fließen.

Das belarussische Internetportal www.zubr.com weiß zwar gar nichts über seinen Namensgeber zu berichten, bestätigt aber immerhin die offenbar nationale Bedeutung, die das Tier für Weißrussland hat. Eine wahrlich diplomatische Lösung bieten schließlich die englischsprachigen Websites, die vom „European bison“ sprechen, womit wieder einmal zweifelsfrei erwiesen wäre, dass Belarus mitten in Europa liegt, was wir ja von Polen schon lange wissen.

Minsk, 2010

Im Dienste des Vaterlandes

vom 18.04.2020 10:13:43

Heute war ein Frauentag. Das sind die Tage, an denen ich als „Ehefrau des Oberstleutnant“ unterwegs bin. So steht es in meinem Diplomatenpass, und zwar unter „Dienstbezeichnung“. Eigentlich bin ich gewöhnt, hier zwischen „Historikerin“, „Ausstellungskuratorin“ oder „Dozentin“ zu wählen, aber für den ausfüllenden Beamten im BMVg war das keine Frage, als man unsere Daten für den Pass aufgenommen hat. Es wird auch nicht vermerkt, welchem Oberstleutnant ich als Ehefrau zugehörig bin – immerhin tragen ja viele Eheleute heutzutage weiterhin ihren eigenen Familiennamen, aber sei’s drum, für meine Dienstverpflichtungen spielt das schließlich keine Rolle.

Heute war ich also zuerst um 10.30 Uhr zum Frühstück bei Frau Meier, einer anderen, jüngst erst eingetroffenen Ehefrau aus dem Kreis der MAPs (=mit ausreisenden Partner). Ein guter Start an einem sonnigen Frühlingstag, zumal im häufig doch anstrengenden russischsprachigen Alltag endlich mal wieder die Aussicht auf eine entspannte, weil unbedeutende deutsche Konversation, besteht.

Ich rufe also Frau Meier auf dem Handy an, um mich in dem verschachtelten Minsker Hinterhof, irgendwo in der Nähe ihres Wohnhauses, zu orientieren. Freudig versichert sie mir in verschiedenen Sprachen, von denen keine deutsch ist, gleich bei mir zu sein. Sprach’s, und kommt im sommerlichen Flatterkleid und eleganten Flipflops aus dem Haus. Ihr feurig-fremdländisches Erscheinungsbild lässt auf die Philippinen schließen, was sie in einem Sprachgemisch sogleich bestätigt. Im Ambiente der großzügigen Wohnung voller exotischer Möbel, Kunst und Erinnerungsstücke, serviert sie nach dem Eintreffen weiterer Damen einen perfekten deutschen Apfelkuchen und berichtet von den Dauerbaustellen aller Umzüge aus der Elfenbeinküste nach Malaysia nach Deutschland nach Kenia nach Moskau nach China und nach Minsk. Hilfe oder Tipps zu den Minsker Verhältnissen braucht sie keine, dafür ist sie auf der Grundlage jahrelanger Erfahrungen sogleich bereit, bei der Organisation des anstehenden Empfangs des International Women’s Club durch die deutschen Damen zu helfen. Gesagt, getan, alle Fragen sind geklärt.

Ich muss mich leider verabschieden, um nicht zu spät zu meinem Massagetermin um 13.00 Uhr zu kommen, der mich von den Verspannungen der zahllosen und anstrengenden Termine an der Cocktailfront befreien wird. Flugs fahre ich also zum 1. Städtischen Krankenhaus und parke aufgrund der bereits eingetretenen leichten Verzögerung auf dem Gehsteig, was ärgerlich für die Fußgänger und verzeihlich für die Polizei ist – beides aufgrund des Diplomatenkennzeichens.

Wellnessmäßig entspannt geht es gegen 14.30 Uhr weiter zur nächsten Dienstverpflichtung, dem House-Keeping für eine weitere betroffene Ehrefrau. Gerne helfe ich aus, zumal wir bemerkt haben, dass es uns zwei beide aus demselben Abiturjahrgang aus derselben mitteldeutschen Diplomatenstadt in die weißrussische Hauptstadt verschlagen hat. Das verbindet. Und außerdem ist die Dame mit ihrem Göttergatten auf Heimaturlaub, so dass ich auf eine Mitfahrgelegenheit für zahlreiche in Küche und Haushalt vermisste Utensilien und Zutaten hoffen kann.

Solchermaßen motiviert, mache ich mich auf den Weg in den Supermarkt, um die letzten Zutaten für das heutige Abendessen zu besorgen, denn auch das gehört schließlich zu meinen dienstlichen Verpflichtungen. Wofür ich übrigens, das möchte ich nicht verschweigen, ein „Nadelgeld“ (sic!) von 500 € erhalte. Für’s Vaterland. Morgen ist wieder ein normaler Arbeitstag. Ich freue mich auf meinen Schreibtisch.

Minsk, 2012