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Miszellen

In dieser Rubrik publiziere ich sehr unterschiedliche Texte, die nicht in die Kategorie wissenschaftlicher Veröffentlichungen fallen, wie sie in der Publikationsliste aufgeführt sind: Reiseberichte, Kommentare, Glossen, Notizen und literarische Experimente. Kenner werden sich wundern, warum die Rubrik dennoch mit Miszellen überschrieben ist, wenn es doch gerade nicht um wissenschaftliche Kurztexte geht. Das lateinische Wort miscellaneus meint gemischt, und so hat auch Theodor Fontane ihn verstanden, als er darunter in „Über Land und Meer“ ein unterhaltsames Erzählen, allerlei oder auch Anekdoten aus allen fünf Weltteilen verstand. Daran möchte ich mich orientieren, und darüber hinaus scheint es mir die beste Entsprechung des russischen очерк zu sein. Allerdings erscheinen hier nur Texte auf deutsch, denn so sehr ich die russische Sprache auch liebe, ich werde sie wohl nie auf einem zufriedenstellenden Niveau der Schriftsprache beherrschen.

„Wir sind doch nicht in Russland“

vom 29.12.2021 11:26:53

Ich bin ganz aufgeregt. Endlich geht es auch für mich zu einem Originalschauplatz – ich bin wieder unterwegs zu Recherchen für unsere Ausstellung „Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“. Eigentlich seltsam: Der Krieg hat im Osten genauso gewütet wie im Westen und Süden und unsere Ausstellung legt sogar einen Schwerpunkt auf diese wenig bekannten Fronten. Und doch sind bisher nur die Kollegen der Westfront auf den ehemaligen Schlachtfeldern in Ypern, an der Somme und Verdun gewesen – sind doch (fast) alle Spuren des „Großen Krieges“ in Osteuropa vergessen oder gar vernichtet worden.

Aber auch meine Chance kommt: Ich fahre nach Litauen, genauer gesagt nach Kaunas (früher Kowno). Aus alten Studienzeiten in Moskau weiß ich, dass das Baltikum das Paradies sein kann: Über Nacht mit dem Zug in eine der drei Hauptstädte im äußersten Osten der Sowjetunion, konnte man schon mal mit dem Gefühl erwachen, zurück in der Zivilisation zu sein: Cafés, eine gemütliche Altstadt und freundliche Menschen. Eben nicht Russland. Ich gehe also optimistisch an die Sache heran, bleibe aber – aus Gewohnheit sozusagen – skeptisch. Schließlich geht es immer noch nach Osten, das EU-Referendum ist noch nicht entschieden und 70 Jahre Sozialismus hinterlassen schließlich ihre Spuren.

Die Kontaktaufnahme ist erfreulich unkompliziert: das Fax funktioniert und eine gemeinsame Sprache am Telefon ist auch bald gefunden – russisch. Der Pförtner des Museums, so denke ich mir, wird auf seine alten Tage eben kein Englisch mehr lernen wollen. Er verspricht mir, meinen Anruf weiterzuleiten und bittet mich, am nächsten Tag gegen 9.00 Uhr wieder anzurufen. Ich lasse mir Zeit, hat doch der Pförtner sicher überhaupt nichts weitergeleitet und wer arbeitet in Osteuropa schon vor 11.00 Uhr morgens (was kein Vorwurf ist, denn erst mal muss ja der Alltag geregelt, der dritte Job erledigt und die Babuschka versorgt werden). Ich rufe also gegen 11.30 Uhr an, der Sammlungsleiter persönlich – der Einfachheit halber bleiben wir gleich beim Vornamen, litauisch ist so kompliziert – nimmt das Gespräch (unter der Nummer des Pförtners) entgegen und teilt mir zu meiner nicht geringen Bestürzung mit, dass er schon lange auf meinen Anruf warte, er habe ja auch nicht den ganzen Tag Zeit. Ich entschuldige mich für die Verspätung und abermals für die Verwendung des Russischen, die mein Gegenüber fraglos gewählt hat. Da solle ich mir mal keine Sorgen machen, meint Arvydas, die Sprache könne ja schließlich nichts dafür. Im übrigen sehe man das hier nicht so eng, Russisch diene eben als Verkehrssprache wenn nötig, ohne damit einen Überlegenheitsanspruch zu verbinden. Man sei ja schließlich nicht in Russland. Ok, das kann ich nachvollziehen, klingt plausibel und vor allem – pragmatisch. Noch im selben Telefonat (!) werden alle Einzelheiten meiner Reise besprochen, die Flugnummer abgefragt und kurzerhand entschieden, dass man mich am Sonntag Nachmittag vom Flughafen n Vilnius abholen werde.

Ob das mal gut geht, denke ich mir, als ich abflugbereit im Angesicht der Propellermaschine der Lithuanian Airline sitze. Doch wieder muss ich mich eines Besseren belehren lassen: Eine SMS (ich fasse es nicht!) bestätigt, dass man mich am Flughafen erwarte. Immerhin ist Vilnius eine gute Stunde von Kaunas entfernt und nicht etwa weil die Fahrt langweilig werden könnte, sondern vielmehr, weil man diese Zeit gut nutzen kann, hat Arvydas Almingantas mitgebracht. Almingantas ist der Freund und Kollege von Arvydas, genaugenommen verkörpern die beiden nicht nur das Kriegsmuseum Kaunas, sondern auch die Kulturpflege und Heimatgeschichte der Region. All das erfahre ich auf der Autofahrt, angefangen von der wechselvollen Geschichte der Stadt Kaunas (die mal Hauptstadt Litauens war und dem Museum eine Periode als Nationalmuseum beschert hat), über das Ergebnis des EU-Referendums, das just heute mit einer überwältigenden Mehrheit bestätigt hat, was alle wussten: Litauen gehört zu Europa und nicht zu Russland, bis hin zu den Re-Enactment-Aktivitäten meiner beiden Begleiter (schließlich hat Napoleon bei Kaunas den Njemen/die Memel überquert). Unsere Ausstellung ist sicher wichtig und richtig, und sie helfen auch gerne, wie sie können, aber ein bisschen ungünstig ist der Zeitpunkt meines Besuchs doch. Gerade im Sommer nämlich wird alljährlich die Schlacht mit hunderten von Menschen und Pferden nachgestellt und Arvydas und Almingantas sind in vorderster Front dabei. Später, im Büro, werde ich mich noch davon überzeugen können, wird doch hier auf ca. 6 qm sämtliches Equipment für das Ereignis aufbewahrt.

Aber zum Ersten Weltkrieg in Kaunas weiß Arvydas auch viel zu erzählen und das tut er auch zwischen Handy-Telefonaten, Festnetz-Gesprächen, Betreuung von Besuchern, die ihm Gegenstände bringen, die sie beim Umgraben des Gartens gefunden haben, und der Bewältigung der sonstigen Alltagsstücken. Von einem ruhigen russischen Alltag keine Spur. Da öffnet sich ein Zeitfenster von ca. 45 Minuten – ideal, um die Originalschauplätze zu besichtigen. Rein ins Auto, raus aus der Stadt, hin zur Festung. Ich bin beeindruckt, mache Fotos und frage ihn nach den überall sichtbaren Spuren von Geschossen und Granaten. Während er meine Fragen beantwortet, besichtigen wir auf dem Rückweg zwei Soldatenfriedhöfe und einen Gedenkstein auf einem ehemaligen Schlachtfeld. Leicht erschöpft hoffe ich auf den Abend im Hotel, doch schon bald ist mir klar: Nicht mit Arvydas. Nebst Almingantas stoßen nun auch die beiden Ehefrauen zu uns, begleiten uns in die Altstadt zum traditionellen litauischen Bier und Essen.

So geht es munter weiter in den nächsten Tagen, Material und Exponate zum Ersten Weltkrieg werden mir ausreichend vorgeführt und um Zeit zu sparen, werden alle Inventarkarten kurzerhand kopiert – wir sind ja schließlich nicht in Russland. Bleibt mir zum Abschluss einer fulminanten Reise also nur noch der Rat: Sollte jemand von den Kollegen jemals eine Ausstellung über litauische Geschichte planen, so sollte er das am Beispiel von Kaunas tun!

Kristiane Burchardi, 2003

Ein Wochenende in Masuren

vom 18.04.2020 10:27:16

Meist können wir mit unserem derzeitigen Wohnort in Minsk bzw. Belarus bei Mitreisenden, Freunden oder Bekannten wohliges Erstaunen hervorrufen. Nicht selten werden Fragen nach dem Grad der Zivilisation und den Extremen des Klimas gestellt. Nicht so bei einem Ausflug zu Freunden in das benachbarte Polen, wo wir 50 km von der russischen Grenze an den Masurischen Seen in ein wahrlich globales Dorf geraten sind.

Die Gastgeber selbst hatten gerade einige Jahre im, freilich wenig beliebten, Nachbarland verbracht, wo wir sie auch kennengelernt hatten. Weitere Sommergäste stammten aus Warschau, darunter gebürtige Polen, die Belarus sowieso für eine eigentlich polnische Provinz halten – wie übrigens auch den heute russischen Teil Ostpreußens, große Teile Litauens, einige Gegenden der Ukraine usw. Andere kamen zwar aus Warschau angereist, wo sie sogar einen festen Wohnsitz haben, aber aus aller Herrn Länder zugereist sind: Jean-Louis ist von tadelloser französischer Geburt wie Erscheinung, spricht glänzendes Englisch mit wunderbarem französischem Akzent und vertritt ein französisches Unternehmen in Polen. Seine Zukünftige (die Hochzeit auf den französischen Gütern steht unmittelbar bevor), Tanja, stammt aus der östlichen Ukraine, wo sie aber schon 10 Jahre nicht mehr war (weil ihre Eltern seit langem in Odessa leben), weil sie zunächst in Kiew, später in Moskau gearbeitet hat, wo sie sich aber angesichts des rüden Gebarens der russischen Polizei als Bürgerin eines freien und demokratischen Landes nicht willkommen fühlte und in das europäische Warschau übersiedelte. All das, versteht, sich in makellosem Englisch, wahlweise russisch oder polnisch.

Mit von der Partie war ihre Schwester Anja, die tags zuvor für eine Stippvisite zu ihrer Schwester nach Warschau gekommen war, und zwar aus Madrid, wo sie vorübergehend wohnt und natürlich spanisch gelernt hat, bevor sie mit ihrem spanischen Freund in die USA übersiedelt, wo nun mal die Kunden ihres gemeinsamen Internetbusinessunternehmens leben.

Jean-Louis, Tanja und Anja sind allesamt Freunde des Sohnes des Hausherren, der ebenfalls mit seiner Frau aus Warschau anwesend war und jüngste Reiseberichte von Ausflügen nach Nepal und Mexiko beisteuerte. Die Eltern trugen es mit Fassung, freuten sich auf ein ruhiges Wochenende im Ferienhaus und wollten von Minsk sowieso schon nichts mehr wissen. Da waren sie nicht die einzigen.

Minsk, 2013